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»Maja, jetzt lass sie los! Du siehst doch, dass Svenja kein Geld in der Tasche versteckt«, brüllte Oli mich an.

Dabei zog er mich von Svenja weg. Wimmernd lag sie am Boden. Wieder hatte sie kein Geld mitgebracht. Obwohl ich sie mehrfach zusammengeschlagen hatte. Warum konnte das Mädel nicht das ausführen, was ich ihr befahl? Ehe mein bester Freund mich wegziehen konnte, löste ich mich aus seinen Händen und ging erneut auf Svenja zu. Dicht beugte ich mich über sie und flüsterte ihr ins Ohr:

 »Wenn du das Geld morgen nicht hast, prügel ich dich windelweich, bis du deinen Namen nicht mehr weißt. Hast du das verstanden?«

 Drohend hielt ich ihr meine Faust unter die Nase. Svenja nickte stumm und traute sich nicht mich anzuschauen. Wütend stand ich auf und ging mit Oli weg.

 »Man, Maja, musste das sein? Sie hat dir nichts getan«, sagte Oli.

 Wütend schaute ich ihn an:

 »Was soll das? Willst du mir etwa in den Rücken fallen?«, zischte ich ihn an.

 »Du weißt doch genau, wofür ich das viele Geld brauche!«

 Ich wusste, dass sie mir nichts getan hatte. Die Wut in mir ließ etwas nach und ich schämte mich für das, was ich getan hatte. Ein mieses Gefühl von Schuld kochte in mir hoch. Beschämt von meiner Tat, zog ich meine Cap tief ins Gesicht. Die Schmerzen, die Svenja meinetwegen erleiden musste, kannte ich von meinem Vater. Ich musste dieses Schuldgefühl loswerden. Ich versuchte, mir einzureden, dass ich das nicht gerne tat, sondern nur, um meiner Mutter und mir zu helfen. Eigentlich war es ja gut was ich tat.

 Schweigend liefen wir nebeneinander her bis zum Wald, wo wir auf die anderen aus unserer Clique trafen. Den ganzen Weg lang hatte ich versucht, mir ein gutes Gefühl einzureden. Allerdings klappte dies nicht. Immer wieder hatte ich das Bedürfnis zurückzukehren, um mich bei Svenja zu entschuldigen.

 »Hey, wo bleibt ihr denn? Wir warten bereits eine Ewigkeit auf euch!«, brüllte Jessy.

 »Man, wie siehst du denn aus?«, fragte sie mich und schlug mir auf die Schulter.

 »Ach, lass mich in Ruhe«, keifte ich sie an.

 Gerade als Jessy zum Protest ansetzte, zog Oli sie zurück.

 »Lass sie in Ruhe«, mahnte er sie.

 Wir gingen zu dritt zu unserem Hauptquartier, wo Johannes, den wir liebevoll Jojo nannten, auf uns wartete. Seit einigen Jahren hatten wir hier im Wald eine alte verlassene Blockhütte zu unserem Hauptquartier gemacht. Weitab von den Wegen lag die Hütte. Wir hatten hier zwar keinen Strom und kein fließend Wasser, aber wir hatten es uns hier gemütlich zurechtgemacht. Die Hütte sah brüchig und bei Nacht gespenstisch aus. Von innen war sie mit alten Möbeln vom Sperrmüll für unsere Bedürfnisse hergerichtet. Außer uns, den Black Tigers, wusste keiner wo wir uns trafen. Neben der Hütte floss ein kleiner Bach, wo wir hin und wieder einen Staudamm bauten, um den Förster zu ärgern. Wir vier waren seit Jahren gute Freunde und gehörten in der Schule zu den Menschen, um die andere einen Bogen machten. Wir waren die Black Tigers und unser Bandenzeichen war eine Lederkette mit einem Puzzle-Anhänger daran. Auf dem silbernen Puzzlestück prangte ein schwarzer Tigerkopf und an der Seite hatte jeder seine Initialen eingraviert. Die Puzzlestücke passten alle ineinander. Es sollte zeigen, dass wir miteinander verbunden waren. Als Jojo uns sah, sprang er frech grinsend auf und kam auf uns zugelaufen.

 »Achtung, Maja hat miese Laune«, rief Jessy ihm zu. Mürrisch streckte ich ihr die Zunge heraus. Jojo interessierte das überhaupt nicht und er kam weiter auf uns zu.

 »Na, dann habe ich ja genau das Richtige für uns. Lasst uns ein paar Waldarbeiter ärgern.«

 Lachend zog er mich am Arm mit sich. Einige Meter von unserer Hütte entfernt, machten sich Waldarbeiter daran, die Schilder an den Waldwegen zu erneuern. Wir versuchten uns heimlich anzuschleichen, was sich im Wald als schwierig erwies. Bei jedem Schritt knackte es hier und raschelte es dort. Als wir nah genug dran waren, versteckten wir uns hinter einem Baumstamm, der auf dem Boden lag.

 »Die drei Schilder stellen wir noch auf und machen Feierabend. Bis morgen können die erst mal so im Boden stehen und dann befestigen wir sie mit Stämmen«, hörten wir den einen Mann rufen.

 Das war unsere Chance. Kichernd lauerten wir hinter dem großen Stamm. Neben mir sah ich einen großen Stein. Kurz entschlossen, nahm ich ihn und warf den Stein in die Richtung der Waldarbeiter. Rumps, hörten wir den Stein dumpf im Gebüsch neben dem einen Mann aufschlagen. Erschrocken drehte er sich um:

 »Harry, hast du das gehört?«

 Völlig neben der Spur schaute Harry seinen Kollegen an und schüttelte den Kopf. Jojo musste lachen und hielt sich dabei die Hand vor den Mund.

 »Hör auf, sonst entdecken die uns noch«, brummte ich zu Jojo. Er wurde schon knallrot im Gesicht und ich musste anfangen zu lachen.

 »Da, wieder ein Geräusch«, hörten wir den einen Mann sagen.

 Er zeigte in unsere Richtung. Schlagartig waren wir mucksmäuschenstill. Harry kam in unsere Richtung gelaufen und hatte dabei eine große Schaufel in der Hand, bereit zum Zuschlagen. Wir hielten den Atem an und machten uns noch kleiner als zuvor. Mein Herz begann zu rasen, als er näher an uns rankam. Schließlich stand er direkt an dem Baumstamm und stellte seinen Fuß darauf. Plötzlich ließ er die Schaufel mit einem scheppernden Knall auf den Stamm herab. Wir zuckten zusammen, die Vögel wurden aufgescheucht und dann drehte er sich um. Zum Glück hatte er nicht nach unten gesehen, dann hätte er uns alle vier erwischt.

 »Mensch, Paul, da ist nichts, und jetzt lass uns weitermachen, ich will schließlich irgendwann mal nach Hause.«

 »Man, das war echt knapp«, sagte Jessy und atmete tief durch. Wir nickten alle stumm. Der Schreck saß uns tief in den Knochen, sodass wir uns heimlich davonschlichen. Einen Wegweiser hatten wir nicht verdreht. Keiner hatte nur ein Wort auf dem Weg zur Hütte gesagt.

 »Ich muss heim«, sagte Jojo, als wir an unserem Hauptquartier ankamen.

 »Alles klar, wir sehen uns morgen in der Schule“, sagte ich.

 Da Jessy und Jojo im gleichen Haus wohnten, machten sie sich zusammen auf den Weg.

 »Bleibst du noch etwas?«, fragte ich Oli.

 »Klar, es ist ja noch etwas Zeit, bis es dunkel wird. Lust auf eine Runde am Boxsack?«, fragte er und ich nickte dankend.

 Genau das, was ich gebrauchen konnte. Irgendwo gedankenlos draufschlagen. Wir gingen in die Hütte, wo wir einen alten Boxsack von Jojos Vater hängen hatten. Oli hielt den Sack mühsam fest und ich schlug unkontrolliert darauf ein, bis ich von meinem besten Freund aus den Gedanken gerissen wurde.

 »Hey, Maja, das konntest du aber auch schon mal besser«, frotzelte er herum.

 Wie vom Blitz getroffen blieb ich stehen und funkelte ihn böse an. »Na warte«, dachte ich mir und fixierte einen Punkt. Plötzlich hatte ich wieder dieses Bild vor Augen, wie mein Dad meine Mutter zu Boden geschlagen hatte. Die Wut kochte in mir hoch und ich schmetterte mit einem Fuß volles Rohr auf den Boxsack. Oli, der nicht damit gerechnet hatte, wurde in die Ecke geschleudert und rieb sich den Bauch. Erschrocken von meiner eigenen Kraft, lief ich zu Oli und kniete mich neben ihn.

 »Ist alles in Ordnung? Es tut mir so leid, das wollte ich nicht!«

 Besorgt schaute ich meinen besten Freund an.

 »Das war ordentlich, Maja. Damit hatte ich nicht gerechnet. Du sahst so verträumt aus und plötzlich ziehst du sauber einen Tritt ab.«

 Verwundert über seine Antwort schaute ich ihn an.

 »Ist wirklich alles in Ordnung?«, fragte ich erneut.

 Oli grinste frech und stand auf:

 »Ja, es ist alles in Ordnung.«

 Als wir zum Boxsack zurückgingen, hörten wir aus Olis Hosentasche Musik. Genervt nahm er das Handy aus der Tasche, und als er auf das Display schaute, rollte er mit den Augen.

 »Mein Vater«, flüsterte er.

 Oli klang dabei so leise, als würde sein Vater um die Ecke stehen. Während Oli mit seinem Vater telefonierte, machte ich mich daran, den Boxsack zu bearbeiten. Wie ein begossener Pudel kam Oli nach dem Telefonat zu mir rüber.

 »Ich muss leider los. Hab ganz vergessen, dass wir auf einen Geburtstag eingeladen sind«, sagte Oli.

 Ich nickte stumm und war traurig.

 »Kommst du mit?«

 »Nein, ich bleibe noch etwas hier«, gab ich zurück und merkte, wie mir die Tränen hochkamen.

 Tapfer schluckte ich sie herunter.

 »Okay, wenn was ist, melde dich. Kopf hoch, ich bin für dich da«, sagte Oli mir und nahm mich in den Arm.

 Nun stand ich alleine in der Hütte. Ohne meine Freunde fühlte ich mich wie ein kleines Mädchen. Nach Hause wollte ich nicht. Also beschloss ich, mich eine Weile auf das Dach zu setzen. An der Seite der Hütte lehnte eine Leiter. Bei jeder Sprosse knirschte sie und ich hatte Bedenken, dass mir irgendwann mal die Sprossen beim Raufklettern durchbrechen würden. Zum Glück war das Haus nicht zu hoch, sodass ich immer runterspringen konnte und so die Leiter nicht weiter belasten würde. Oben angekommen, atmete ich tief durch. Das Dach war mit Moos bedeckt und es fühlte sich an, als würde ich auf weichen, saftigem grünen Gras laufen. Jedoch musste ich vorsichtig gehen, denn es war sehr glitschig. Es roch etwas modrig, aber das war mir egal. Von hier oben aus konnte ich durch die Bäume hindurch den Waldweg sehen. Ich setzte mich an eine Ecke, die frei vom Moos war, und schaute geradeaus. Die Vögel flogen zwitschernd von Baum zu Baum und der kleine Bach plätscherte fröhlich vor sich hin. Meine Augen wurden feucht und mir kullerten die Tränen langsam die Wangen hinunter. Ich schmeckte das Salz meiner Tränen auf meinen Lippen und schloss meine Augen.