Nur ein Husten


„Mum, mir geht`s gut“, sagte ich meiner Mutter, als ich das Haus verließ, um zur Arbeit zu gehen. Meine Mutter blickte mir sorgevoll hinterher. Meine Ausbildung zur Zahnmedizinischen Fachangestellten hatte ich vor knapp zwei Jahren begonnen. Anfang des Jahres hatte ich mir eine leichte Erkältung zu gezogen, die mir nicht schlimm erschien. Allerdings plagte mich seitdem ein trockener Husten, was mich nicht davon abhielt weiter arbeiten zu gehen, schließlich fühlte ich mich wieder fit und mich bei meinem Arbeitgeber krank zu melden erschien mir deutlich schlimmer als das bisschen Husten. Dass mich diese  Einstellung wenige Wochen später ins Krankenhaus befördern würde, lag jenseits meiner Vorstellung.

 

Es war Montag der 07.03.2005, der mein Leben veränderte. Der Husten war mittlerweile völlig verflogen und an der Arbeit grummelte mein cholerischer Chef vor sich hin. Egal, was ich an diesem Tag tat, ich bekam einen auf den Deckel, zum Glück hatte ich am Abend Training, um meinen Frust abzulassen. Der letzte Patient hatte die Praxis verlassen und der Feierabend wurde eingeläutet. Seit Jahren betrieb ich Taekwondo, mal mit mehr Begeisterung, mal mit weniger, mit dem Beginn meines Arbeitsleben vor knapp zwei Jahren war ich froh gewesen, hier meinen Ärger ablassen zu können. Ein paar Kicks mit Kraft auf das Schlagpolster fühlten sich befreiend an. In der Halle angekommen, zog ich mich schnell um und betrat den Trainingsraum oder koreanisch Dojang. Da die Abteilung wie ein kleiner Familienbetrieb war und bis heute noch ist, begrüßte ich meine Eltern und meine zwei Jahre ältere Schwester. Frustrierend erzählte ich ihnen von meinem Arbeitstag und bat meinen Vater darum etwas gegen meinen Ärger zu machen. Ich war mit meinen 1,59 Meter nicht gerade die Größte, aber wenn ich sauer war, konnte ich zum tasmanischen Teufel werden. Meine langen, blonden Haare band ich mir zum Zopf zusammen, zog meinen Gürtel um und stellte mich zum Angüssen auf, dies gehörte zur Tradition des Sportes. Vor dem Trainingsbeginn verbeugt man sich vor der Südkoreanischen Flagge und vor dem Trainier, der vor der Gruppe steht. Ich hatte meinen ersten Dan vor zwei Jahren absolviert, mein Körper war gut durchtrainiert und Sport zu der Zeit das, was ich am liebsten in meiner Freizeit tat. Der zweite Dan, das war mein Ziel, worauf ich derzeit hinarbeitete. Gemeinsam mit den Schülern wärmten wir uns auf, wenig später durfte ich mich mit meiner Schwester zurückziehen, um das Schlagpolster zu bearbeiten, Kick für Kick spürte ich, wie es mir besser ging. Die erste Gruppe war zu Ende, nun wollten die Erwachsenen trainiert werden. Wir hatten einige neue Schüler in der Gruppe, daher teile mein Vater mich nach dem Aufwärmen dazu ein, mit den neuen die ersten Grundtechniken zu üben, und da passierte es. Ich erinnere mich daran, als sei es gestern gewesen. Die Schüler sollten den Arae-Makki lernen, ein Block mit dem Arm und einer geschlossenen Faust nach unten. Gespannt schauten sie mich an, als ich mich vor sie stellte, um den Block zu zeigen, als ich plötzlich ein Ziehen in meinem rechten Arm spürte, gefolgt von einem Kribbeln bis in die Fingerspitzen, die Luft zum Atmen wurde weniger. „Papa, ich geh kurz auf die Toilette“, rief ich meinem Dad durch die Halle zu. Der Weg zur Umkleide war die Hölle auf Erden, die Luft wurde mit jedem Schritt weniger, mein Brustkorb fühlte sich an, als würde er eingeschnürt werden. Wie ein nasser Sack ließ ich mich auf die Bank in der Umkleide plumpsen, meinen Kopf versenkte ich in meinen Händen und versuchte zu atmen. Es dauerte einige Minuten, bis ich wieder Luft bekam und mich gut fühlte, belanglos tat ich es mit dem anstrengenden Tag und der Verausgabung in der ersten Gruppe ab und ging wieder in die Halle. Nur wenige Schritte, nachdem ich die Umkleide verlassen hatte, spürte ich wieder, wie mir jemand die Luft abzuschnüren versuchte. Schwäche wollte ich aber nicht zeigen. Wieder stellte ich mich vor die Gruppe, nahm den Arm erneut zum Schwungholen aus und vernahm wieder dieses Ziehen, japste nach Luft und war froh, dass meine Mutter mich ablöste. Ich setzte mich mit meinem Vater vor die Glaswand und berichtete von meinen Problemen.

 „Wir ziehen uns an und fahren ins Krankenhaus“, sagte mein Vater und ich gehorchte.

 

 Im Krankenhaus mussten wir nicht lange warten bis ich dran war, da ich achtzehn war, blieb mein Vater im Wartebereich sitzen. Der Chirurg, der mich zuerst untersuchte meinte, es sei vermutlich nur ein eingeklemmter Nerv, schickte mich dennoch zum Röntgen. Eigentlich ein kurzer Weg, der für mich die Hölle war. Jeder Schritt nahm mir die Luft zum Atmen. Wieder zurück im Behandlungszimmer, klemmte die Schwester das Röntgenbild unter, blickte erschrocken auf und sagte:

 „Setzten Sie sich auf die Liege und stehen Sie bitte nicht mehr auf.“

Ohne dass ich fragen konnte, warum, verließ sie den Raum. Na Super -  dachte ich mir, dass klingt scheiße. Durch meinen Job als Zahnarzthelferin sind Röntgenbilder für mich nichts Unbekanntes, also schaute ich auf meinen durchleuchteten Thorax und sah, dass es auf meiner rechten Seite sehr dunkel aussah, dunkel ist meistens nicht gut. Während ich weiter das Röntgenbild betrachtete, kamen die Schwester, der Chirurg und ein weiterer, mir noch unbekannter Mann, ins Zimmer. Er stellte sich mir höflich als Internist vor, lächelte aufmunternd und blickte besorgt auf das Röntgenbild. Ich fragte mich, was mit mir passiert war, als der Internist sich vor mich setzte.

 „Sie haben einen Spontan-Pneu.“

 Ok, und was ist das – dachte ich mir und schaute ihn scheinbar so fragend an, dass er direkt weiter sprach.

 „Ihre Lunge ist gerissen und zusammengefallen, daher die Atemnot. Wir müssen Sie hierbehalten.“

 Ein Kloß machte sich in mir breit, krampfhaft versuchte ich die Tränen herunterzuschlucken.

 „Können Sie meinen Vater hereinholen“, bat ich die Schwester.

 Mit gesenktem Kopf spürte ich, wie die Tränen sich langsam auf den Weg über die Wangen machten. Die Schwester hatte meinen Vater scheinbar auf dem Weg darüber informiert, was passiert war, denn er schaute mich erschrocken an und nahm mich in den Arm. Der Arzt erklärte ruhig und ausführlich, was mit der Lunge passiert war, doch keines der Worte nahm ich auf. Tausend Gedanken schwirrten mir durch den Kopf, Angst machte sich in meinem Körper breit, wie sollte es nun weiter gehen. Der Arzt schien fertig zu sein, setzte sich neben mich und versuchte beruhigend zu mir zu sprechen, doch auch diese Worte zogen an mir vorbei.

 „Wann kann ich hier wieder raus?“, fragte ich leise.

„Ich weiß, dass Sportler schnell wieder hier raus wollen, aber Sie müssen sich Zeit geben“, erwiderte er.

  Die nächsten zwei Tage verliefen meiner Meinung nach viel zu langsam. Der Arzt gab sich viel Mühe mich aufzumuntern, nahm sich Zeit mir alles zu klären und mir Mut zuzusprechen. Es stellte sich heraus, dass dieser Lungenriss durch den verschleppten Husten kam, wobei sich ein Lungenbläschen gelöst haben muss und geplatzt ist, was zu dem Riss geführt hatte. Der Sauerstoff, den ich durch die Nase bekam half leider nichts und somit musste ich in ein anderen Krankenhaus verlegt werden, was mir schwer viel. Ich hatte Angst vor dem, was kam. Der Arzt, der mich die ersten drei Tage betreute mir viel Mut zugesprochen, der mich aber schnell verließ, als ich mit dem Krankenwagen in ein anderes Krankenhaus gebracht wurde.

 

Diesen Schockraum werde ich nie in meinem Leben vergessen, was dort mit mir passierte sind Erinnerungen, die tief in meinem Kopf verankert sind. Kurzerhand erklärte mir der Arzt, was er nun machen würde, damit meine Lunge wieder dorthin komme, wo sie hinsollte und dass dies unangenehm sein könnte. Schon bei der Erklärung wurde mir heiß und kalt, Angst wanderte durch meinen ganzen Körper und ich wünschte meine Mutter wäre bei mir, würde meine Hand halten und ich wusste, sie würde es tun, wenn sie es dürfte, doch in den Schockraum durfte sie nicht herein. Ich musste alleine dadurch und schickte Stoßgebete in den Himmel, dass es schnell vorbeigehen würde. Mir sollte eine Drainage gelegt werden, die an einem Gerät angeschlossen werden sollte, das ein Unterdruck (Sog) erzeugt, was dazu führt, dass das Lungenfell wieder am Rippenfell anliegt, wo es hingehört. Der Arzt, ein Assistenzarzt zu meiner Rechten und die Schwester zu meiner Linken. Es gab einen kleinen Pick, der Assistenzarzt hielt meinen Arm fest und das Skalpell eröffnete ein wenig meinen Thorax, Blut floss aus meinem Oberkörper heraus und ich beobachtete den Arzt ängstlich. Ich sah, wie er einen langen Schlauch und eine Art Metallstange in der Hand hielt und langsam durch die Öffnung schob. Ein Druck machte sich auf meiner rechten Seite breit, die Schwester nahm meine Hand, als ich zu wimmern begann. Der Druck wurde größer, es schmerzte und die Tränen liefen über mein Gesicht.

 „Aua, aua bitte aufhören“, waren die letzten Worte, an die ich mich erinnere, und plötzlich wurde es dunkel um mich herum.

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Ute Walenski (Sonntag, 09 Juli 2017 14:32)

    Absolut zum Mitgehen und Mitleiden. Und ein bisschen auch zum Mit-Angst-Bekommen, was gar nicht so verkehrt ist.
    Mein Tipp: Öfter mal einen Punkt setzen!
    Lieber Gruß