Glücksbus Linie 60

Olof Feddersen war ein zeitorientierter Mensch und hasste es, wenn etwas nicht nach Plan verlief. Dass ihm heute nach Feierabend etwas Unerwartetes passieren würde, was sein Leben veränderte, ahnte er in diesem Moment, als er seine Sachen an der Arbeit zusammen packte, nicht.

 

 »Pünktlich auf die Minuten, wie immer Olof«, rief Paolo, sein Kollege, ihm zu, als er seinen PC um punkt 17:30 Uhr runterfuhr.

 »Es gibt nichts Schöneres als einen geregelten Tagesablauf«, erwiderte Olof sarkastisch.

 Er verabschiedete sich, verließ das Gebäude und ging zur Haltestelle, wo sein Bus bereits wenige Minuten später kam.

 »Hallo Olof, was für ein Shitwetter heute, was?«, begrüßte ihn der Busfahrer Otremba.

 »Das kannst du laut sagen«, gab Olof zurück und machte seinen Schirm zu.

 Die Türen schlossen sich hinter Olof und er ging zu seinem Platz, wo er seit acht Jahren saß. Nie hatte jemand auf diesem Platz gesessen, aber heute Abend war es anders. Eine junge Frau, Olof schätze sie auf Mitte dreißig, saß auf seinem Platz und schaute aus dem Fenster.

 »Würde es Sie stören, wenn Sie sich woanders hinsetzen?«, fragte Olof höflich.

 Sie drehte sich um und ihre langen, blonden Haare fielen ihr halbseitig übers Gesicht. Mit ihren blaugrünen Augen schaute sie Olof direkt an.

 »Der ganze Bus ist leer und Sie wollen ausgerechnet auf den Platz, wo ich sitze?«, fragte die Frau.

 Sie lachte kurz auf und schaute wieder aus dem Fenster. Der Bus hatte sich in Bewegung gesetzt und Feddersen bekam nichts mehr um sich herum mit.

 

»Hören Sie, junge Frau, ich weiß Sie verstehen das nicht, aber würden Sie sich bitte einen anderen Platz suchen?«, fragte Olof erneut.

 Sie blickte zu Olof und nahm ihn jetzt erst richtig wahr. Verkrampft hielt er sich an der Stange im Bus fest, seinen Aktenkoffer hatte er zwischen die Beine gestellt und seine schwarzen Haare waren nass vom Regen. Seine blauen Augen schauten Sie eindringlich an.

 »Setzen Sie sich doch einfach neben mich und dann ist gut.«

 »Bitte, lassen Sie mich auf diesen Platz«, erwiderte Olof.

 Langsam kochte die Wut in ihm hoch und er zog die Frau am Ärmel.

 »Hey, was soll das? Sind Sie total irre geworden?«

 »Lassen Sie mich auf meinen Platz!«

 Die Röte stieg in Olof ins Gesicht und er griff sich ihre Handtasche.

 »Geben Sie mir meine Handtasche zurück!«, fauchte sie ihn an.

 »Nur wenn Sie endlich aufstehen und mich auf meinen Platz lassen!«

 »Was ist Ihnen denn so wichtig an diesem scheiß Platz?«, fragte sie Olof.

 Mittlerweile war sie aufgestanden und stinksauer.

 »Dieser Platz«, begann Olof, doch ehe er weiter erklären konnte, bremste der Bus abrupt und Otremba kam zu den beiden nach hinten.

 »Olof, was soll das denn? Was machst du die Frau so an?«

 »Das geht dich nichts an«, gab er zurück.

 So sauer kannte Otremba seinen langjährigen Fahrgast gar nicht.

 »Olof, jetzt reicht es aber! Müsstest du nicht eh schon längst ausgestiegen sein?«

 Verwundert schaute Olof nach draußen.

 »Verdammt, jetzt hab ich wegen Ihnen sogar vergessen, dass ich vor vier  Haltestelle bereits rausgemusst hätte.«

 Otremba wollte noch etwas sagen, aber da war Olof bereits aus dem Bus verschwunden. Seinen Kragen hatte er nach oben geklappt und den Schirm geöffnet. Der Regen peitschte ihm ins Gesicht. Nun musste er ein ganzes Stück laufen. Der Wind hob sich unter den Schirm und er klappte nach außen. »Na toll«, dachte Olof sich, auch das noch. Völlig durchnässt bog er in die Lindenstraße, wo er viel Blaulicht zu sehen bekam. Menschen liefen panisch hin und her. Eine Stunde später als geplant, war er zu Hause angekommen und er fragte sich, was passiert war. Plötzlich sah er das Unglück, ein Auto stand halb in der Hauswand. Eine Nachbarin kam mit einem Polizisten auf ihn zu und erklärte ihm die Umstände.

 Ein junger Mann hatte die Kontrolle über seinen Wagen verloren und war von der Fahrbahn abgekommen. Dabei war er mit hoher Geschwindigkeit in die Hausmauer geprallt und stand halb in Olofs Wohnzimmer. Genau dort, wo er um diese Zeit eigentlich gesessen hätte, wenn ihm diese Frau im Bus nicht begegnet wäre. Der Streit hatte also etwas Gutes gehabt.

 

 Wenige Tage später begegnete er der Frau erneut im Supermarkt.

 »Sie schon wieder«, begrüßte Olof sie freundlich.

 »Ach, so höflich heute? Jetzt sagen Sie mir doch mal, was es mit diesem Platz auf sich hat im Bus!«

 »Wissen Sie, vor neun Jahren war meine Frau in der Linie 60 ums Leben gekommen, sie saß genau auf diesem Platz. Seitdem sitze ich dort. Im Glauben daran, dass ich ihr dadurch näher sein kann.«

 »Oh je, das tut mir leid. Ich wusste ja nichts von dem Unglück.«

 »Also seit letzter Woche ist die Linie 60 mein Glücksbus und Sie mein Schutzengel!«

Die junge Frau verstand nur Bahnhof, aber seit diesem Tag fuhren die beiden nun jeden Abend gemeinsam nach Hause. In ihrem ganz persönlichen Glücksbus.

 

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