Das jährliche Ritual zerbricht

»Ist das nicht herrlich, Schatz? Einundzwanzig Grad am ersten Mai«, rief mein Freund von der Terrasse aus.

 

Er hatte bereits unsere Liegestühle heraus gestellt und sich oberkörperfrei auf einen der Stühle gelegt. Die Sonne schien herrlich warm und der Himmel zeigte sich wolkenfrei. Wir hatten beschlossen, unseren freien Tag faul auf der Terrasse zu verbringen. Später wollten wir den Grill anschmeißen und herrlichen Duft verbreiten, um unsere Nachbarn zu ärgern.

 

»Meinst du, die Boisenbergs trauen sich bei dem herrlichen Wetter auf die Terrasse?«, fragte ich Alex scherzend.

 

»Ich glaub nicht. Seit der Mann in Rente ist, haben die ihre Liegestühle nicht vor dem ersten Juni herausgestellt.«

 

»Echt komisch, die zwei. Dabei ist Frau Boisenberg so nett«, gab ich zu bedenken.

 

»Das stimmt, aber auch nur solange bis der Mann in Rente gegangen ist«, erläuterte Alex, mein Freund.

 

Ich legte mich auf die Liege, die ein Stück von ihm weg stand.

 

»Ich habe erst überlegte, unsere Liegestühle, Armlehne an Armlehne zu stellen, wie die Boisenbergs«, sagte Alex.

 

»Damit unsere Arme anfangen zu schwitzen und wir langsam eins werden«, gab ich zurück.

 

Dabei mussten wir beide lachen und merkten nicht, wie unser Gelächter lauter wurde, bis wir von einem Gebrüll unterbrochen wurden.

 

 

 

Herr Boisenberg stand an der Hecke und schaute böse zu uns herüber.

 

»Jetzt reicht es aber, ihr junges Pack«, schrie er uns an.

 

Empört setzte mein Freund sich auf und rief:

 

»Wo ist Ihr Problem? Warum setzen Sie sich nicht auf die Terrasse und entspannen mal?«

 

»Damit wir so verbrennen wie ihr Ahnungslosen?«

 

»Was meinen Sie damit?«

 

»Erst ab dem ersten Juni scheint die Sonne im richtigen Winkel zu uns herab. Die Bäume da drüben spenden erst dann etwas Schatten, sodass die Temperatur von zweiundzwanzig grad auf die Terrasse scheint«, erklärte Herr Boisenberg.

 

Wow, das ist krasser Scheiß, dachte ich. Verwundert über seine Aussage schauten Alex und ich uns an.

 

»Die spinnen«, flüsterte ich Alex zu.

 

Dabei machte ich eine Handbewegung vor meinem Gesicht, um meine Aussage zu verdeutlichen.

 

»Ah ja, lassen Sie mich raten. Die Kreuze auf der Terrasse zeigen an, wo Ihre Liegestühle stehen müssen, damit die Sonne im richtigen Winkel drauf scheint!«

 

»So ist es. Und jetzt seht zu, dass ihr leiser seid«, schrie Herr Boisenberg.

 

Plötzlich ging die Terrassentür bei den Boisenbergs auf und seine Frau kam mit einem Liegestuhl heraus. Sie stellte ihn mitten auf die Wiese, in die pralle Sonne. Herr Boisenberg starrte seine Frau mit offenem Mund an und ging auf sie zu.

 

»Jetzt kommt Action auf«, flüstere Alex und rieb sich seine Hände.

 

Seit fünf Jahren wohnten wir hier und hatten uns das jährliche Ritual der Boisenbergs angeschaut. Dieses Jahr schien es einen anderen Lauf zu nehmen. Gespannt schauten wir zu unseren Nachbarn rüber.

 

»Was machst du denn da?«, fragte Herr Boisenberg aufgeregt.

 

»Nach was sieht es denn aus?«, frotzelte Frau Boisenberg.

 

»Du wirst dich verbrennen!«

 

Herr Boisenberg rüttelte an der Schulter seiner Frau. Sie hatte sich auf ihren Liegestuhl gelegt und versuchte ihn zu ignorieren.

 

»Jetzt mach keinen Blödsinn und komm wieder mit rein!«

 

Seine Frau atmete tief durch und stand wütend auf.

 

»Herbert, jetzt reicht es mir aber! Seit du in Rente bist, gehst du mir auf die Nerven und schreibst mir vor, was ich zu tun und zu lassen habe. Es ist herrlich warm draußen und ich möchte jetzt die Sonne genießen. Ich bin nicht deine Angestellte, die du rumkommandieren kannst!«

 

Herr Boisenberg bäumte sich auf und funkelte sie böse an. Seine Hände stemmte er wütend in die Hüften.

 

»Und wer bezahlt den ganzen Scheiß hier? Richtig, ich und wenn ich dich schon finanzieren muss, dann kannst du auch das tun, was ich will«, schrie er seine Frau an.

 

»Alter, wag es nie, so mit mir zu reden«, sagte ich belustigt zu meinem Freund.

 

»Keine Sorge, mein Engel. Aber jetzt psst, ich will wissen, wie das weiter geht.«

 

Gespannt hörten wir den Boisenbergs weiter zu.

 

»Wenn du das so siehst, dann pack ich jetzt meine Sachen und gehe«, schrie Frau Boisenberg.

 

Wutentbrannt stampfte sie ins Haus und kurze Zeit später hörten wir eine Tür knallen.

 

Einige Wochen waren seit dem Streit der Boisenbergs vergangen. Er hatte sich für sein jahrelanges Fehlverhalten bei seiner Frau entschuldigt und sie war zu ihm zurückgekommen. Sie entpuppten sich als liebevolle Nachbarn und wir verbrachten ein paar Sommerabende gemeinsam, bei einem Bierchen, auf unserer Terrasse

 

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