Die veränderte Zukunft

            Die veränderte Zukunft

 

»Opa schau, die Frau wird wach.«

 

Hörte ich eine helle Stimme an meinem Ohr. Verschwommen nahm ich Umrisse eines Kindes wahr. Die Bilder vor meinen Augen wurden klarer.

 

»Hallo junge Frau«, sagte eine alte, raue Stimme.

 

Ich drehte den Kopf zur Seite. Der ältere Herr, sah durch die schwarze Kleidung und dem grauen Bart zum Fürchten aus. Seine braunen Augen wirkten jedoch vertraulich.

 

»Wo bin ich?«, wisperte ich.

 

»Du bist bei meinem Opa in der Hütte. Wir haben dich im Feld liegen sehen, als wir die Schafe auf die Weide getrieben haben.«

 

Fragend schaute ich die beiden an. Der Junge kam mir bekannt vor.

 

»Wir kennen uns doch?«, fragte ich schließlich.

 

»Nein, wir kennen uns nicht.«

 

»Klar, ich hab dich irgendwo schon mal gesehen.«

 

»Opa, die Frau spinnt. Echt, ich kenn die nicht.«

 

»Na na, Florian, so etwas sagt man nicht!«

 

Mahnend hob der Mann den Zeigefinger.

 

Ich schreckte hoch.Florian Herrmann, natürlich.

 

»Machen Sie langsam. Wissen Sie, was mit Ihnen passiert ist?«

 

 

© Autumn Leaves Background, Gudrun www.fotolia.de

 

Plötzlich erinnerte ich mich, was mir geschehen war. Aber warum hab ich im Feld gelegen?

 

»Wo ist meine Tasche?«

 

»Sie hatten nichts bei sich. Geht es Ihnen gut?«

 

»Der Überfall. Natürlich, ich erinnere mich. Ich war auf der Bank in der Leuschnerstraße und hab Geld abgehoben. Als ich rausging, griffen mich zwei Männer an. Sie waren vermummt, rissen mir meine Handtasche aus der Hand. Meine Papiere, mein Geld, Schlüssel, alles weg.«

 

»Opa, ich sag`s dir, die Frau ist...«, der Junge sprach nicht weiter, sondern machte eine wischende Handbewegung vor seinem Gesicht.

 

»Hey ich bin nicht gaga. Und du bist doch eigentlich...«, ich stockte.

 

»Ich hol einen Arzt«, sagte der Opa von dem Jungen.

 

»Nein, Stopp! Keinen Arzt. Mir geht`s gut.«

 

Florian Herrmann, war der Junge aus meiner Klasse von früher. Aber wie konnte das sein, dass er vor mir stand? Damals erschien er nach den Sommerferien nicht mehr, man hatte uns gesagt, er sei bei einem Badeunfall mit seinem Opa ums Leben gekommen. Das war im Sommer 98 und jetzt schreiben wir das Jahr 2016. Hier stimmte was nicht.

 

»Welches Datum haben wir?«

 

»Den 12.08.«

 

»Welches Jahr?«

 

»Gute Frau, Sie sind total neben sich.«

 

»Welches Jahr?«, fragte ich dieses Mal energischer.

 

»1998.«

 

»Opa, jetzt lass uns schwimmen gehen. Du hast es mir versprochen.«

 

»Nein«, rief ich erschrocken.

 

 

Nun erinnerte ich mich klar und deutlich. Florian war am 12.08.1998 ums Leben gekommen. An diesem Tag stiegen die Temperaturen auf 33,3 Grad. Ein Mittwoch. Hatte mich der Überfall auf der Bank und der Schlag auf den Kopf in die Vergangenheit versetzt? Anders konnte ich es mir nicht erklären. Taumelnd schritt ich zur Tür hinaus. Nichts außer Feld und Wiese war zu sehen. Die Stadt, wo ich wohnte, einige Kilometer entfernt. Sollte ich den Tod verhindern und damit die Zukunft verändern? Hatte dieses Erlebnis damit zu tun, dass ich gestern am Grab von Florian gewesen war? Ich war damals in ihn verliebt und musste nachdem Streit gestern, mit meinem Freund, an Florian denken. Entschlossen, die Zukunft zu verändern, ging ich wieder in die Hütte. Ich musste den Tod verhindern. Suchend blickte ich mich nach etwas Hilfreichen um.

 

»Los lass uns eine Runde kicken auf der Wiese«, sagte ich.

 

»Man ey, es ist voll heiß draußen«, murrte Florian mich an.

 

»Ich wusste es, du kannst nicht mit dem Ball umgehen«, neckte ich ihn.

 

Er riss mir den Ball aus der Hand und lief nach draußen. Wir spielten den ganzen Tag vor der Tür.

 

Die Abenddämmerung brach ein und ich dachte darüber nach, wie ich wieder in meine Zeit zurückkommen sollte. Ich packte mir an den Kopf und spürte meine Beule. Natürlich, ich brauchte einen Schlag an den Kopf. Verdammt, wo war der Junge hin? Ich lief ins Haus und sah ihn friedlich auf der Couch schlafen. Sein Opa saß schnarchend im Schaukelstuhl. Als ich wieder rausgehen wollte, stieß ich mir heftig den Kopf an einem der Balken und fiel nach hinten um.

 

 

»Hey junge Frau«, rief eine tiefe Stimme neben mir.

 

Ich spürte, wie jemand an mir rüttelte.

 

»Sie wurden überfallen. Wir bringen Sie jetzt ins Krankenhaus.«

 

Ich nickte nur und meine Augen fielen wieder zu.

 

 

Sanft strich mir jemand über meine Wange. Die Hände fühlten sich warm und weich an.

 

»Hallo Schatz.«

 

Langsam wurde das Bild vor Augen klar und ich erkannte Florian vor mir. Warum sagte er Schatz?

 

 »Schatz?«, fragte ich verwirrt.

 

»Erkennst du mich nicht?«

 

»Klar, erkenn ich dich. Welches Datum haben wir?«

 

»Den 13.08.2016, warum fragst du?«

 

»Du bist schon eine Verrückte, aber dafür liebe ich dich«, sagte Flo.

 

Ich hatte es tatsächlich geschafft, die Zukunft zu verändern. Sanft zog ich Flo am Nacken zu mir heran und wir küssten uns so zärtlich wie noch nie.

 

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