Tödliche Liebe

 Tödliche Liebe

 

Fast geräuschlos glitt der letzte Nachtzug aus der Halle. Der Bahnsteig war leer, bis auf einen einzelnen Mann. Er hatte sich seine Zigarette angezündet und starrte dem Zug nach, dessen rote Schlusslichter rasch kleiner wurden.

Torsten zog den Reißverschluss seiner Lederjacke bis oben zu. Es war Ende April und der Nachtwind wehte dem 35-Jährigen kühl um die Nase. Von einem Seminar in München war der in der IT-Branche Tätige, braunbegrannte Mann früher als erwartet zurückgekehrt. In dieser Nacht wollte er Diana, seine Freundin, mit einem Heiratsantrag überraschen. Heute feierte sie ihren 32. Geburtstag und Claire, ihre Schwester, hatte ihm verraten, dass die Familie eine Party vorbereitet hatte.

 

Schnell nahm Torsten den letzten Zug seiner Zigarette und drückte den Glimmstängel aus.

 

»Taxi«, rief er laut und winkte ein Auto heran. Lässig stieg er ein.

 

»Wo darf es denn hingehen?«, fragte der Taxifahrer freundlich.

 

»Breite Straße 5, bitte.«

 

Stolz und nervös nahm Torsten ein Schächtelchen aus der Jackentaschen. Die zitternden Finger erschwerten das Öffnen der Schachtel. Zum Vorschein kam ein silberner Ring. Der Taxifahrer schaute in den Rückspiegel und lächelte:

 

»Na, da haben Sie ja etwas Schönes vor.«

 

»Oh ja, das soll eine Überraschung werden. Meine Freundin feiert in ihren Geburtstag rein. Der hier...«, Torsten hielt den Ring hoch, »...der soll ein Geschenk fürs Leben werden.«

 

»Ich drücke Ihnen die Daumen«, sagte der Taxifahrer.

 

 Der Wagen hielt vor der gemeinsamen Wohnung. Frohen Mutes stieg Torsten aus. Verwundert schaute er nach oben. Alles war dunkel, nur im Schlafzimmer war gedimmt ein Licht zu erkennen. Die Uhr schlug ein Uhr, mitten in der Nacht. Etwas früh, dass die Party bereits beendet sein sollte. War etwas schiefgegangen? Leise und mit Herzklopfen schlich Torsten die Treppen nach oben. Vorsichtig schloss er die Tür auf. Aus dem Schlafzimmer, sah der junge Mann einen kleinen Lichtstrahl und vernahm komische Geräusche. Vorsichtig stieß er die Tür auf und traute seinen Augen kaum. Das war ein Stich mitten ins Herz. Mit offenem Mund stand er da und ließ vor Schreck die Reisetasche von der Schulter fallen. Rumps. Panisch drehte sich der Mann, der über Torstens stöhnenden Freundin lag, um. Es war Sven, Torstens bester Freund. Beide waren völlig nackt und die Angst machte sich in deren Augen breit.

 

Foto: @ bluedesign / Fotolia.com

»Wehe, du bringst sie nicht zum Höhepunkt«, sagte Torsten zynisch.

 

Ohne weiter etwas zu sagen, drehte Torsten sich um und ging auf den Balkon. Dort zündete er sich eine Zigarette an und starrte in die klare, kalte Nacht. Die Wohnungstür knallte ins Schloss, doch er rührte sich keinen Meter. Jahrelang war er mit Sven befreundet gewesen. Sie wussten einfach alles voneinander. Was hatte der Idiot ihm nur angetan?

 

»Es tut mir leid. Ich hab mich ihn in verliebt. Die passende Gelegenheit war nicht da, es dir zu sagen«, flüstere Diana.

 

Torsten drehte sich um und sah sie eindringlich an. Es wirkte bedrohlich. Wortlos ging er an ihr vorbei. Packte sich Jacke und Autoschlüssel und sprintete nach unten.

 

»NEIN! Warum?«, brüllte Torsten, als er in seinem Auto saß. Wütend schlug er auf das Lenkrad ein. Drehte das Zündschloss um und fuhr von Rache getrieben los. Vor Svens Tür blieb er stehen, wo er seinen besten Freund stehen sah.

»Sven, steig ein«, brüllte Torsten, »Wir müssen reden!«

 

Er hatte die Scheibe vom Auto heruntergelassen und zögernd ging Sven auf ihn zu:

 

»Ich halte das für keine gute Idee!«

 

Obwohl Sven ein schlechtes Gefühl hatte, stieg er ins Auto. Dass dies seine letzte Fahrt werden würde, ahnte er in diesem Moment nicht.

 

Lange fuhren die beiden durch die Dunkelheit. Plötzlich verschloss Torsten die Türen und bog in einen Waldweg ein.

 

»Was soll das werden?«, fragend schaute Sven seinen besten Freund an. Der Wagen kam zum Stehen und Torsten stieg aus. Mit einem Ruck öffnete er die Beifahrertür:

 

»Steig aus!«, befahl er.

 

Wie angewurzelt blieb Sven sitzen. Torsten, der deutlich stärker war als Sven, krallte ihn am Kragen und zerrte seinen ihn aus dem Wagen. Donnernd und ohne nachzudenken, ließ er die Faust in sein Gesicht niederschmettern. Wimmernd ging Sven in die Knie.

 

»Du hast mein Vertrauen missbraucht«, schrie Torsten.

 

Sauer zerrte er Sven bis zum See hinter sich her.

 

»Dafür wirst du bezahlen!«, brüllte Torsten aus sich heraus.

 

Die beiden waren weit vom Dorf entfernt, sodass niemand sie hören konnte.

 

»Du bist  blind vor Hass«, winselte Sven.

 

Torsten kannte keine Gnade. Das Gehirn war ausgeschaltet. Gesteuert von seiner Wut, trat und schlug er fluchend auf seinen besten Freund ein.

 

»Du bist das Letzte! Wir wollten heiraten. Du Schwein!«

 

Kraftlos sank Torsten neben seinen besten Freund. Dieser lag leblos am Boden. Was hatte er nur getan? Mit Gewalt rüttelte er am Körper seines Freundes. Nichts geschah. Verzweifelt über seine Tat, zog er den leblosen Körper ans Ufer des Sees. Dort bestückte er ihn mit Steinen und versenkte Sven im See. Völlig verwirrt stand er schwer atmend auf. Taumelnd stand er auf seinen Beinen. Die Nacht war kalt und Nebel bedeckte den Boden des Waldes. Torsten begann zu rennen. Er wusste nicht mehr, wo er war, und lief einfach los. Der beste Freund war tot. Torsten hatte ihn umgebracht. Keiner sollte je erfahren, was in dieser Nacht geschehen war. Torsten Brink gilt seit jener Nacht als verschollen.

 

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Heike König (Freitag, 12 August 2016 18:48)

    Liebe Sandra!
    Diese Kurzgeschicht ist auch sehr spannend geschrieben, vielleicht solltest du mal ein komplettes Buch mit Kurzgeschichten schreiben. Wäre auch mal ne Idee.
    Liebe Grüße Mama