Feuer auf Schloss Gerbenau

 „Hast du auch noch andere Sachen außer deine Bilder im Kopf?“, fragte mich meine Mutter und schaute mich missbilligend an. Kopfschüttelnd ging ich wieder in meine Scheune, wo ich mit viel Liebe meine Bilder malte. Kevin, unser Stallbursche, wollte mir nachher helfen ein paar Bilder in die Galerie zu bringen. Am Wochenende ist meine Ausstellung und ich war sehr gespannt darauf. Viele hatten sich auf meine Einladung hin gemeldet und zugesagt. Bei dem Gedanken daran wurde mir flau im Magen. Seit mein Mann vor vier Jahren tödlich verunglückt war, hatte ich mich neben der Zucht von Pferden, auf mein Hobby, das Malen konzentriert. Meine Mutter war kurz nach dem Tot von ihrem Schwiegersohn zu mir auf das Schloss gezogen und griff mir unter die Arme so gut wie sie nur konnte.

„Mama, Mama, wann gibt es endlich Essen?“, fragte Benni und kam stürmisch in die Scheune gelaufen. Dabei hätte er fast die Bilder umgerannt. „Du sollst doch nicht immer so flott davon laufen“, kam Kevin keuchend hinter hergelaufen. Gerade als ich schimpfen wollte, lächelte mich Benni mit seinem süßesten Grinsen an. Es fiel mir wirklich schwer dabei ernst zu bleiben: „Oma müsste das Essen bereits fertig haben. Geht doch schon mal vor. Ich komme gleich nach“, sagte ich zu den Beiden. Kevin nickte mir zur und nahm Benni an die Hand. Ich war froh, dass Benni und Kevin so gut miteinander zurecht kamen. Auf dem Weg zum Schloss sah ich jemanden in den Stall huschen. Mir kam die Person nicht bekannt vor, also beschloss ich nachzusehen und ging ebenfalls zu den Stallungen rüber. Leise öffnete ich die Tür und merkte wie die Pferde unruhig waren. Plötzlich sah ich einen Schatten. Der Eindringling musste um die Ecke stehen. Ängstlich griff ich nach der Mistgabel. Mein Herz schlug immer schneller als ich dem Schatten immer näher kam. An der Ecke angekommen, hielt ich den Atem an und blieb kurz stehen. Dann schoss ich mit einem Mal um die Ecke und schlug ins Leere.

Der Eindringling hatte sich aus dem Staub gemacht. Gerade als ich mich richtig darüber ärgern wollte, hörte ich es unter dem Heuhaufen niesen. Na warte, dachte ich und ging langsam darauf zu. „Komm raus!“, sagte ich in einem Befehlston. Eigentlich hatte ich erwartet, dass nichts passiert, aber dann bewegte sich der Heuhaufen und heraus kam – unser Nachbarskind Katherina Schröder. „Was willst du schon wieder hier? Ich habe dir bereits mehrfach gesagt, dass du hier nicht herumlungern sollst!“ „Ich wollte halt eine Runde chillen. Reg dich ab!“ Meine Wut wurde immer größer. „Sieh zu das du Land gewinnst“, brüllte ich Katherina an und zeigte mit dem Finger nach draußen. Sie strecke mir die Zunge heraus und zeigte mir den Mittelfinger. Sicherlich war es für ein 12-jähriges Kind nicht einfach, wenn man von der Großstadt auf das Land zog, aber musste man sich deswegen völlig daneben benehmen? Familie Schröder war vor einem halben Jahr hierher gezogen und seitdem tauchte ihre Tochter immer wieder bei uns auf und lungerte bei uns herum. Obwohl die Eltern von Katherina gehobene Leute waren, benahm sie sich wie das letzte Gossenkind.

 

Als ich in die Küche kam, roch es verdammt gut. Meine Mutter kochte wirklich vorzüglich und mir lief das Wasser im Mund zusammen. Benni hatte sich für heute Jägerschnitzel mit Pommes gewünscht. Er erzählte fröhlich von seinem Tag im Kindergarten und was er alles mit Kevin erlebt hatte. Die Beiden hatten zusammen den Stall ausgemistet und später war Kevin mit Benni noch auf dem Reitplatz gewesen. Der Kleine liebte Pferde über alles und freute sich auf das tägliche Reiten mit Kevin. Es war wirklich schön mit anzusehen, wie Benni beim erzählten strahlte. „Kann Oma mich heute ins Bett bringen?“, fragte Benni und schaute mich frech grinsend an. „Klar gerne. Dann kann ich mit Kevin meine Bilder zur Galerie bringen“, zwinkerte ich Benni zu.
Ich wusste, dass Benni es gerne hatte, wenn ihn meine Mutter ins Bett brachte. Benni wusste genau wie er seine Oma um den Finger wickeln konnte, sodass er noch etwas länger wach bleiben durfte. Da ich heute Abend noch etwas zu tun hatte, hatte ich nichts dagegen. Nach dem Abendessen machten Kevin und ich uns daran, die ersten Bilder in die Galerie zu bringen. Es waren zwar noch nicht viele, aber wenigstens sah der Raum nun nicht mehr so leer aus. Meine letzte Ausstellung war bereits einige Zeit her. Irgendwie hatte mir zeitweise der Mut zum Malen gefehlt oder die Inspiration.

 

Es war schon fast Mitternacht als ich wieder ins Schloss kam. Leise schloss ich die Tür auf und schlich durch das Dunkle, als plötzlich jemand das Licht anmachte. „Lass uns noch ein Glas Wein zusammen trinken“, sagte Hildegard, meine Mutter und schaute mich ernst an. Eigentlich war ich sehr müde, aber ich wusste auch, dass es nichts bringen würde meiner Mutter zu widersprechen. Kaum hatte ich einen Schluck getrunken sagte meine Mutter: „Was ist los mein Kind?“ „Alles gut“, gab ich kurz zurück. Allerdings wusste ich, dass meine Mutter nicht locker lassen würde. „Ich merke doch, dass du etwas hast“, sagte sie erneut und schaute mich eindringlich an. „Du hast ja Recht. Ich mache mir Gedanken wegen Katherina. Sie lungert immer bei uns herum. Die Eltern scheinen sich nicht um sie zu kümmern. Ihre Kleidung, schwarz und trostlos. Als ich sie vorhin wieder im Stall erwischt habe, roch sie nach Rauch. Ich mache mir wirklich Sorgen. Vielleicht sollte ich mal mit ihren Eltern sprechen.“ Verwundert schaute mich meine Mutter an: „Misch dich nicht in die Erziehung von anderen ein. Du hast mit deinem Leben wirklich genug zu tun. Außerdem hast du früher auch bei den Nachbarn herumgelungert und Äpfel vom Baum geklaut. Solange sie nichts anstellt, lass das Mädchen doch.“ „Hm, wenn du meinst. Ein gutes Gefühl habe ich dabei aber nicht“, gab ich zurück und nahm dann einen Schluck Wein.

 

Die Tage vergingen wie im Fluge und ich wurde immer nervöser. Übermorgen soll meine Ausstellung starten und ich hatte noch einiges zu tun. Ich war froh, dass meine Mutter und Kevin sich um Benni kümmerten und ich den Kopf frei hatte. Vieles musste noch organisiert und erledigt werden. Morgen sollen dann die restlichen Bilder in die Galerie gebracht werden. Völlig erschöpft viel ich am Abend ins Bett. Unruhig schlief ich ein, drehte und wälzte mich im Bett, als ich plötzlich einen komischen Geruch durch das offene Fenster vernahm. „Patriza komm schnell, die Stallungen brennen“, kam meine Mutter schreiend im mein Zimmer geplatzt. Plötzlich war ich hellwach, zog mir schnell einen Pullover an, schlüpfte in meine Schuhe und rannte nach draußen. Die Flammen waren mittlerweile groß und hatten auf den Schuppen übergegriffen. Die Pferde, meine Bilder, dachte ich und rannte schneller. Kevin war bereits dabei die Pferde aus den Boxen zu lassen und die Feuerwehr rückte auch schon an. Krampfhaft versuchten wir mit Wassereimern zu löschen. „Ich muss meine Bilder retten“, rief ich meiner Mutter panisch zu. „Du kannst da doch nicht rein“, schrie sie mich an. Sie versuchte mich am Arm zu packen, doch ich war so nass geschwitzt, dass ich ihr förmlich aus den Händen glitt. Die Scheune stand bereits in Flamme und ich versuchte mir einen Weg durch das Feuer ins Innere zu erkämpfen. Mit einem nassen Tuch vor den Mund nutzte ich einen passenden Moment ab, um in die Scheune zu kommen. Viele Bilder hatten bereits Feuer gefangen und ich versuchte die heilen Bilder noch zu retten und packte sie unter den Arm. Kurz bevor ich wieder raus gehen wollte, kam ich ins Stolpern und die Bilder fielen der Länge nach zu Boden. Dort lag jemand auf der Erde. Nur schwer konnte ich erkennen wer es war. Dennoch musste ich helfen. Schnell vergaß ich die Bilder und versuchte den Körper anzuheben. Mit einer Kapuze und das Gesicht vermummt, vernahm ich an der Leichtigkeit des Körpers, dass es ein Kind sein musste. „Hilfe, ich habe hier ein Kind gefunden“, schrie ich durch das Feuer nach draußen. „Gehen Sie von der Tür weg.“ Gerade als ich außer Reichweite war wurde die Tür mit einem Ruck geöffnet und das Feuer an der Tür gelöscht, sodass wir raus konnten. Völlig erschöpft und fertig mit den Nerven ließ ich mich ins Gras sinken.

 

„Oma schau, Mama macht die Augen auf“, hörte ich Benni zu meiner Mutter sagen. Sanft strich mir meine Mama über die Wange: „Na mein Kind. Wie geht es dir?“ „Ich habe Durst.“ Langsam richtete ich mich auf und schaute in besorgte Gesichter. „Ihr schaut aber sehr beunruhigt. Was ist mit den Stallungen und meinen Bildern?“, fragte ich neugierig. „Die Stallungen und die Scheune sind völlig abgebrannt. Die Bilder konnten wir nicht mehr retten. Du wirst deine Ausstellung morgen absagen müssen!“ Erschrocken sprang auf und schaute auf das Gelände, rüber den zu abgebrannten Gebäuden. „Absagen? Das kommt nicht fragen. Seit Monaten arbeite ich daran. Dann gibt es eben nur eine kleine Ausstellung. Weiß man wer das Feuer gelegt hat?“ „Ja. Das Mädchen was du gefunden hast, ist Katherina gewesen. Ihr geht es mittlerweile wieder gut. Das Mädel hat zugegeben, dass sie heimlich im Stall geraucht hat und dabei von etwas erschreckt wurde. Vor lauter Panik hat sie dann die Zigarette fallen lassen“, erzählte meine Mutter. „Was? Ich glaub es nicht, für den Schaden wird sie aufkommen müssen“, sagte ich wütend.

 

Wir konnten uns mit der Familie Schröder darauf einigen, dass ich auf eine Anzeige verzichtete und sie für den vollen Schaden aufkommen würden. Katherina versprach uns, dass sie ihren Schaden bei uns ab arbeiten würde und nie wieder eine Zigarette anrühren würde. Selbst meine Ausstellung war trotz der wenigen Bilder ein voller Erfolg gewesen. Mit Hilfe von Familie und Freunden konnten wir die Stallungen und die Scheune neu aufbauen.

 

Hallo ihr Lieben.

 

Ich hoffe, dass Euch meine kleine Geschichte gefallen hat? Ich würde mich sehr über ein Feedback freuen.
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Vielen Dank für Eure Unterstützung

Eure Sandra

 

© Sandra König

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Kommentare: 1
  • #1

    Heike König (Freitag, 12 August 2016 18:45)

    Liebe Sandra!
    Ich bin begeistert von der Kurzgeschichte, sehr schön geschrieben.
    Freu mich schon auf dein nächstes Buch ;-)

    Liebe Grüße Mama